Susan Taubes „Nach Amerika und zurück im Sarg“

12. November 2021Lese-Empfehlung

Susan Taubes, 1928 in Budapest geboren, emigrierte im Alter von 11 Jahren mit ihrer Familie in die USA, wo sie mit einer Arbeit zu Simone Weil promoviert wurde. Taubes lehrte Religionsgeschichte an der Colombia University, spielte auf den Bühnen New Yorks. Kurz nachdem ihr Roman Scheiden tut weh über ihre Trennung von Jacob Taubes in New York herauskam, nahm sie sich 1969 das Leben. Heute gilt sie als einflussreiche Intellektuelle des 20. Jahrhunderts und ist Vorbild zahlreicher Schriftstellerinnen.

Die brillante Sophie Blind steht vor den Trümmern ihrer Ehe und beschließt, sich von Ezra, ihrem Ehemann, scheiden zu lassen. Ein fast skandalöser Schritt, und auch ihr Mann verspricht ihr, sie werde an der Scheidung zugrunde gehen, ist ihm die Ehe 1960 doch eine heilige Institution. In dieser schmerzhaften Situation erkennt Sophie, dass sich ein Riss durch ihr Leben zieht, den weder die unglückliche Ehe noch deren Ende zu heilen imstande sind. Sie beginnt sich zu erinnern: an die Kindheit in Budapest in den 1930er-Jahren, an den Vater, einen praktizierenden Psychoanalytiker, der die Affären ihrer Mutter als Symptom abhakt und der kleinen Sophie schon im Kindesalter erklärt, sie würde am Elektrakomplex leiden. 1939 emigriert die jüdische Familie in die USA, doch auch nach drei Jahrzehnten fühlt sich Sophie, als sei sie nie vom Schiff gestiegen. Einer steilen akademischen Karriere folgte die Ehe mit dem Intellektuellen Ezra, für den sie erst dann die »beste Frau der Welt« ist, wenn er sie endlich zum Schweigen gebracht hat. Haltlose Gewalt und Erniedrigung konterkarieren das nach außen perfekte Leben. Je tiefer sie ihre Vergangenheit reflektiert, desto unwirklicher erscheint ihr die Gegenwart.

Matthes & Seitz 2021, Originaltitel: „To America and Back in a Coffin“ 1969, aus dem amerikanischen Englisch von Nadine Miller, mit einem Essay von Leslie Jamison, 372 Seiten, € 24,00

Laura Lippman „Wenn niemand nach Dir sucht“

25. Oktober 2021Lese-Empfehlung

„Ein packender Thriller, der Vielstimmung von Sexismus, Rassismus und Emanzipationsbestrebungen erzählt.“ Vanity Fair

LAURA LIPPMAN, geboren 1959 in Atlanta, hat mit ihrer erfolgreichen Detektivfigur Tess Monaghan mindestens eines gemeinsam: Wie sie ist die Autorin eine erfahrene Reporterin. Lippman arbeitete nach ihrem Journalismus-Studium zwanzig Jahre lang in diesem Beruf. Als Tochter einer Buchhändlerin hat sie das Lesen zwar immer schon geliebt, aber erst die Begegnung mit weiblichen Detektiven von Schriftstellerinnen wie Sara Paretsky, Sue Grafton und Marcia Muller ermutigte sie dazu, selbst eine Ermittlerin zu kreieren. Für ihre Kriminalromane wurde Lippman mit unzähligen Preisen ausgezeichnet.

Schon vor acht Monaten ist Cleo Sherwood verschwunden. Abgesehen von ihren Eltern und ihren beiden Söhnen scheint sich niemand darum zu scheren. Im Jahr 1966 interessieren sich weder Polizei noch Öffentlichkeit oder Presse für eine schwarze Frau, die als vermisst gilt. Madeline »Maddie« Schwartz, die als Redaktionsassistentin beim Baltimore Star arbeitet, hat sich erst vor Kurzem von ihrem Mann getrennt und klare Vorstellungen von ihrer Zukunft: sich nicht länger nur darum kümmern, dass ihr Haushalt streng koscher ist, endlich sich selbst verwirklichen – und den eigenen Namen unter ihren Artikeln lesen. Als Maddie von einer Frauenleiche hört, die im Brunnen eines Parks gefunden wurde, wittert sie die Story ihres Lebens. Ihr Ehrgeiz ist geweckt. Sie ahnt nicht, wie viel Ärger ihr diese Geschichte einbringen wird – eine Geschichte, die niemand hören will.

Kampa Verlag, aus dem amerikanischen Englisch von Kathrin Bielfeldt und Jürgen Bürger, engl. Original „Lady in the Lake“, 384 Seiten, € 22,00 

Olivia Kuderewski „Lux“ – ausgezeichnet mit dem Klaus Michael Kühne-Preis für das beste deutschsprachige Debüt

20. September 2021Lese-Empfehlung

Lux bricht aus. Sie reist in die USA, macht sich auf die Suche nach dem Wahren, dem Gefährlichen, das die Glasglocke über ihr zum Splittern bringt. Sie trifft Kat. Eine junge, irritierend schöne Frau, eine amerikanische Nomadin mit schneeweißem Haar. Gemeinsam begeben sie sich auf einen Roadtrip von Osten nach Westen, quer durch die USA, bringen sich gegenseitig an ihre Schmerzgrenzen, laufen aus dem Ruder. Lux ist auf der Jagd nach sich selbst. Aber was will Kat?

Jurybegründung: „Olivia Kuderewski schafft durch ihre kraftvolle und intensive Sprache einen Roman, der die Lesenden in ihren Bann zieht – und nimmt sie mit auf die Reise in ein Land, das ebenso versehrt ist wie Lux, die Protagonistin. Sinnlich schildert die Autorin deren Trauer, Verunsicherung und ihren Kampf, sich selbst zu finden. Atemlos treibt Kuderewski ihre Figur von der Ost- an die Westküste, beschreibt eine so faszinierende wie zerstörerische Freundschaft zwischen Lux und der kompromisslosen Vagabundin Kat. Dabei bricht sie mit pathosbehafteten USA-Bildern und deutet auf die Abgründe dieses Landes. Ein gleichermaßen lichter wie düsterer Roman, der einen atemlos zurücklässt – ein sprachliches Erlebnis!“

Voland & Quist 2021, 224 Seiten, € 22,00

Rachid Benzine „Als ich ihr Balzac vorlas – die Geschichte meiner Mutter“ (frz. „Ainsi parlait ma mère“)

2. August 2021Lese-Empfehlung

Als seine Mutter krank wird, stellt der Universitätsprofessor Rachid Benzine sein Privatleben in ihren Dienst. Er pflegt sie und liest der Analphabetin allabendlich aus ihrem Lieblingsbuchvor, Balzacs „Chagrinleder“. Bis zu ihrem 93. Lebensjahr wohnte sie in derselben Zweizimmerwohnung, die sie bei ihrer Ankunft aus Marokko mit ihrem Mann und den fünf Kindern bezog. Bewegend und mit politischem Subtext blickt Benzine auf das Leben seiner Mutter zurück, die ihre Kinder über Jahrzehnte mit ihrem mageren Gehalt als Zugehfrau ernährte und deren Herz stets weit offen war für die Sorgen anderer.

Piper Verlag 2021, übersetzt von Andreas Jandl, € 16,00

Tsitsi Dangarembga „Aufbrechen“ (engl. „Nervous Conditions“)

21. Juni 2021Lese-Empfehlung

Im Rhodesien der 60er-Jahre schildert Tsitsi Dangarembga anrührend den zähen Kampf des Dorfmädchens Tambu um Bildung. Sie beschreibt, wie ein armes, benachteiligtes Mädchen allmählich dem Stammes- und Dorfleben entschlüpft, um ihren Platz als gebildete Frau einzunehmen. Aber alles hat seinen Preis …

Das halbautobiografische Debüt von Tsitsi Dangarembga wurde 1988 zum ersten Mal veröffentlicht, gewann den Commonwealth-Autorenpreis und viele andere literarische Auszeichnungen.

Die Geschichte von Tambu wird in drei Teilen erzählt, wovon der letzte erst 2018 in den USA erschienen ist.

„Viele gute, von Männern geschriebene Romane sind in Afrika entstanden, aber wenige von Schwarzen Frauen. Dies ist der Roman auf den wir gewartet haben … und dieses Buch wird ein Klassiker.“ Doris Lessing

Übersetzer: Ilja Trojanow

280 Seiten, Klappenbroschur, Orlando Verlag
€ 22,00

Salih Jamal „Das perfekte Grau“

29. Mai 2021Lese-Empfehlung

Das ist die Geschichte von Novelle, Rofu, Mimi und von mir. Rofu hat nur ein Ohr und ist über das Meer gekommen. Aus Afrika. Mimi ist Engländerin. Sie hat ihren Mann umgebracht, nun versteckt sie sich unter Perücken und hinter dunklen Brillen. Novelle ist noch sehr jung. Sie liebt Mangas und die Sauferei. Manchmal fährt sie einfach aus der Haut oder sie hört Stimmen. Den komischen Namen hat sie von ihrer Mutter. Als unsere Geschichte damals losging, wusste ich das alles noch nicht. Ich, ich heiße Ante, aber alle nennen mich Dante. Wegen des Infernos. Ich bin, genau wie die anderen, auch auf der Flucht.

Ich glaube, vor mir selbst.

Alles fing damit an, dass zwei Polizisten wegen Mimi in dem Hotel, in dem wir gearbeitet hatten, auftauchten. Ich könnte jetzt noch erzählen, wie Novelle verschwunden und wieder aufgetaucht ist, was wir in Berlin getrieben haben oder wie wir Erleuchtung beim Pilgern nach Altötting erlangten. Aber darum geht es in der Geschichte ja eigentlich gar nicht. Es geht nämlich darum, dass wenn wir schon vor irgendwem oder irgendetwas fliehen, wir uns besser nicht vor unseren Dämonen wegducken sollten. Weil man sonst immer ein Geflüchteter bleiben wird und niemals wo ankommt.

Und es geht auch um Heimat, die wie eine Haut ist.

SALIH JAMAL (geb. 1966) hat seine Wurzeln in Palästina. Er lebt und arbeitet in Düsseldorf.

Septime Verlag – 2009 in Wien gegründet, ist einer der jungen und ehrgeizigen Kleinverlage auf dem Büchermarkt, die sich zum Ziel gesetzt haben, kompromisslose Literatur zu vertreten, mit einem hohen Anspruch an Qualität und Rarität.

„Osterbuch“ von Konrad F.E. von Freyhold und Christian Morgenstern

27. März 2021Lese-Empfehlung
1908 erschien auf Wunsch des Verlegers Bruno Cassirer in seinem Verlag ein Kinderbuch, für das er den Lyriker und Verlagslektor Christian Morgenstern mit dem Kinderbuchillustrator K. F. Edmund von Freyhold zusammenbrachte.
Das aus dieser Zusammenarbeit hervorgegangene »Hasen-« bzw. »Osterbuch« besticht durch seine farbenfrohen und phantasievollen Bildmotive und seine humorvollen Reime. »Jedes Blatt ist ein Farbenepigramm. Just auf seinen freudigen und fein kontrastierten Farben beruht sein Hauptreiz«, lobte Morgenstern die siebzehn ganzseitigen, kolorierten Bildtafeln, die zu den ungewöhnlichsten und kunstvollsten Kinderbuchillustrationen des frühen 20. Jahrhunderts zählen.
erschienen bei Walde + Graf Verlagsagentur und Verlag, Februar 2019, € 16,00

Emilia Roig – „Why We Matter – Das Ende der Unterdrückung“

8. März 2021Lese-Empfehlung

Wie erkennen wir unsere Privilegien? Wie können Weiße die Realität von Schwarzen sehen? Männliche Muslime die von weißen Frauen? Und weiße Frauen die von männlichen Muslimen? Die Aktivistin und Politologin Emilia Roig zeigt – auch anhand der Geschichte ihrer eigenen Familie, in der wie unter einem Brennglas Rassismus und Black Pride, Antisemitismus und Auschwitz, Homophobie und Queerness, Patriarchat und Feminismus aufeinanderprallen –, wie sich Rassismus im Alltag mit anderen Arten der Diskriminierung überschneidet. Ob auf der Straße, an der Uni oder im Gerichtssaal: Roig schafft ein neues Bewusstsein dafür, wie Zustände, die wir für „normal“ halten – die Bevorzugung der Ehe, des männlichen Körpers in der Medizin oder den Kanon klassischer Kultur – historisch gewachsen sind. Und dass unsere Welt eine ganz andere sein könnte.

„Emilia Roig deckt die Muster der Unterdrückung auf und leitet zu radikaler Solidarität an. Sie zeigt – auch anhand der Geschichte ihrer eigenen Familie –, wie Rassismus und Black Pride, Antisemitismus und Ausschwitz, Homofeindlichkeit und Queerness, Patriarchat und Feminismus aufeinanderprallen.

„Radikal und behutsam zugleich. Dieses Buch ist ein heilsames, inspirierendes Geschenk.“ Kübra Gümüsay

Aufbau Verlag, 397 Seiten, € 22,00

 

Serge Bloch/Marie Desplechin – Die Bären aus der Rue de l’outs

14. Februar 2021Lese-Empfehlung

1960. In der Rue de l’Ours in Colmar gibt es eine kleine, koschere Metzgerei, die einzige, die nach dem Krieg noch übrig ist. Tante Thérèse steht an der Theke. Im Hinterzimmer macht Onkel Georges die Buchhaltung. Und Sylvain, der Vater, zerlegt in seinem »Laboratorium« hinten im Hof das Fleisch. Dort leben, lieben und streiten die Blochs. Für den kleinen Serge spielt sich das Leben zwischen Synagoge, Schule und dem Laden ab, mit jeder Menge Riten und vielen Kinderfreuden.
Mit Unterstützung von Marie Desplechins feinsinnigen Worten zeichnet Serge Bloch ein Porträt seiner Familie, in der man Liebe nicht mit Worten ausdrückt. Und in der Freigeist und die ureigene Schönheit gewisser Handgriffe von Vater zu Sohn weitergegeben werden.

« Dieses Buch erscheint im Rahmen des Förderprogramms des französischen Außenministeriums, vertreten durch die Kulturabteilung der französischen Botschaft in Berlin. »

Serge Bloch & Marie Desplechin
Die Bären aus der Rue de l’Ours
Aus dem Französischen von Anne Thomas
Buchgestaltung: Theresa Schwietzer, 192 Seiten, € 22,00

Hiroshige – Hundert berühmte Ansichten des Edo

28. November 2020Lese-Empfehlung

Es war Utagawa Hiroshiges letztes Meisterwerk: Von grünen Panoramen bis zu dekadenten Vergnügungsvierteln bietet One Hundred Famous Views of Edo eine Holzschnittreise durch das Tokio des 19. Jahrhunderts – ein Juwel des Ukiyo-e. Dieser Nachdruck ist auf traditionelle japanische Art gebunden und basiert auf einem der schönsten vollständigen Originalsätze aus der Sammlung des Ōta-Kunstmuseums für Ukiyo-e in Tokio.

Japanische Bindung in einer Box, 25 x 31,3 cm, 1,87 kg, 272 Seiten, € 30,00