Tsitsi Dangarembga „Aufbrechen“ (engl. „Nervous Conditions“)

21. Juni 2021Lese-Empfehlung

Im Rhodesien der 60er-Jahre schildert Tsitsi Dangarembga anrührend den zähen Kampf des Dorfmädchens Tambu um Bildung. Sie beschreibt, wie ein armes, benachteiligtes Mädchen allmählich dem Stammes- und Dorfleben entschlüpft, um ihren Platz als gebildete Frau einzunehmen. Aber alles hat seinen Preis …

Das halbautobiografische Debüt von Tsitsi Dangarembga wurde 1988 zum ersten Mal veröffentlicht, gewann den Commonwealth-Autorenpreis und viele andere literarische Auszeichnungen.

Die Geschichte von Tambu wird in drei Teilen erzählt, wovon der letzte erst 2018 in den USA erschienen ist.

„Viele gute, von Männern geschriebene Romane sind in Afrika entstanden, aber wenige von Schwarzen Frauen. Dies ist der Roman auf den wir gewartet haben … und dieses Buch wird ein Klassiker.“ Doris Lessing

Übersetzer: Ilja Trojanow

280 Seiten, Klappenbroschur, Orlando Verlag
€ 22,00

Salih Jamal „Das perfekte Grau“

29. Mai 2021Lese-Empfehlung

Das ist die Geschichte von Novelle, Rofu, Mimi und von mir. Rofu hat nur ein Ohr und ist über das Meer gekommen. Aus Afrika. Mimi ist Engländerin. Sie hat ihren Mann umgebracht, nun versteckt sie sich unter Perücken und hinter dunklen Brillen. Novelle ist noch sehr jung. Sie liebt Mangas und die Sauferei. Manchmal fährt sie einfach aus der Haut oder sie hört Stimmen. Den komischen Namen hat sie von ihrer Mutter. Als unsere Geschichte damals losging, wusste ich das alles noch nicht. Ich, ich heiße Ante, aber alle nennen mich Dante. Wegen des Infernos. Ich bin, genau wie die anderen, auch auf der Flucht.

Ich glaube, vor mir selbst.

Alles fing damit an, dass zwei Polizisten wegen Mimi in dem Hotel, in dem wir gearbeitet hatten, auftauchten. Ich könnte jetzt noch erzählen, wie Novelle verschwunden und wieder aufgetaucht ist, was wir in Berlin getrieben haben oder wie wir Erleuchtung beim Pilgern nach Altötting erlangten. Aber darum geht es in der Geschichte ja eigentlich gar nicht. Es geht nämlich darum, dass wenn wir schon vor irgendwem oder irgendetwas fliehen, wir uns besser nicht vor unseren Dämonen wegducken sollten. Weil man sonst immer ein Geflüchteter bleiben wird und niemals wo ankommt.

Und es geht auch um Heimat, die wie eine Haut ist.

SALIH JAMAL (geb. 1966) hat seine Wurzeln in Palästina. Er lebt und arbeitet in Düsseldorf.

Septime Verlag – 2009 in Wien gegründet, ist einer der jungen und ehrgeizigen Kleinverlage auf dem Büchermarkt, die sich zum Ziel gesetzt haben, kompromisslose Literatur zu vertreten, mit einem hohen Anspruch an Qualität und Rarität.

„Osterbuch“ von Konrad F.E. von Freyhold und Christian Morgenstern

27. März 2021Lese-Empfehlung
1908 erschien auf Wunsch des Verlegers Bruno Cassirer in seinem Verlag ein Kinderbuch, für das er den Lyriker und Verlagslektor Christian Morgenstern mit dem Kinderbuchillustrator K. F. Edmund von Freyhold zusammenbrachte.
Das aus dieser Zusammenarbeit hervorgegangene »Hasen-« bzw. »Osterbuch« besticht durch seine farbenfrohen und phantasievollen Bildmotive und seine humorvollen Reime. »Jedes Blatt ist ein Farbenepigramm. Just auf seinen freudigen und fein kontrastierten Farben beruht sein Hauptreiz«, lobte Morgenstern die siebzehn ganzseitigen, kolorierten Bildtafeln, die zu den ungewöhnlichsten und kunstvollsten Kinderbuchillustrationen des frühen 20. Jahrhunderts zählen.
erschienen bei Walde + Graf Verlagsagentur und Verlag, Februar 2019, € 16,00

Emilia Roig – „Why We Matter – Das Ende der Unterdrückung“

8. März 2021Lese-Empfehlung

Wie erkennen wir unsere Privilegien? Wie können Weiße die Realität von Schwarzen sehen? Männliche Muslime die von weißen Frauen? Und weiße Frauen die von männlichen Muslimen? Die Aktivistin und Politologin Emilia Roig zeigt – auch anhand der Geschichte ihrer eigenen Familie, in der wie unter einem Brennglas Rassismus und Black Pride, Antisemitismus und Auschwitz, Homophobie und Queerness, Patriarchat und Feminismus aufeinanderprallen –, wie sich Rassismus im Alltag mit anderen Arten der Diskriminierung überschneidet. Ob auf der Straße, an der Uni oder im Gerichtssaal: Roig schafft ein neues Bewusstsein dafür, wie Zustände, die wir für „normal“ halten – die Bevorzugung der Ehe, des männlichen Körpers in der Medizin oder den Kanon klassischer Kultur – historisch gewachsen sind. Und dass unsere Welt eine ganz andere sein könnte.

„Emilia Roig deckt die Muster der Unterdrückung auf und leitet zu radikaler Solidarität an. Sie zeigt – auch anhand der Geschichte ihrer eigenen Familie –, wie Rassismus und Black Pride, Antisemitismus und Ausschwitz, Homofeindlichkeit und Queerness, Patriarchat und Feminismus aufeinanderprallen.

„Radikal und behutsam zugleich. Dieses Buch ist ein heilsames, inspirierendes Geschenk.“ Kübra Gümüsay

Aufbau Verlag, 397 Seiten, € 22,00

 

Serge Bloch/Marie Desplechin – Die Bären aus der Rue de l’outs

14. Februar 2021Lese-Empfehlung

1960. In der Rue de l’Ours in Colmar gibt es eine kleine, koschere Metzgerei, die einzige, die nach dem Krieg noch übrig ist. Tante Thérèse steht an der Theke. Im Hinterzimmer macht Onkel Georges die Buchhaltung. Und Sylvain, der Vater, zerlegt in seinem »Laboratorium« hinten im Hof das Fleisch. Dort leben, lieben und streiten die Blochs. Für den kleinen Serge spielt sich das Leben zwischen Synagoge, Schule und dem Laden ab, mit jeder Menge Riten und vielen Kinderfreuden.
Mit Unterstützung von Marie Desplechins feinsinnigen Worten zeichnet Serge Bloch ein Porträt seiner Familie, in der man Liebe nicht mit Worten ausdrückt. Und in der Freigeist und die ureigene Schönheit gewisser Handgriffe von Vater zu Sohn weitergegeben werden.

« Dieses Buch erscheint im Rahmen des Förderprogramms des französischen Außenministeriums, vertreten durch die Kulturabteilung der französischen Botschaft in Berlin. »

Serge Bloch & Marie Desplechin
Die Bären aus der Rue de l’Ours
Aus dem Französischen von Anne Thomas
Buchgestaltung: Theresa Schwietzer, 192 Seiten, € 22,00

Hiroshige – Hundert berühmte Ansichten des Edo

28. November 2020Lese-Empfehlung

Es war Utagawa Hiroshiges letztes Meisterwerk: Von grünen Panoramen bis zu dekadenten Vergnügungsvierteln bietet One Hundred Famous Views of Edo eine Holzschnittreise durch das Tokio des 19. Jahrhunderts – ein Juwel des Ukiyo-e. Dieser Nachdruck ist auf traditionelle japanische Art gebunden und basiert auf einem der schönsten vollständigen Originalsätze aus der Sammlung des Ōta-Kunstmuseums für Ukiyo-e in Tokio.

Japanische Bindung in einer Box, 25 x 31,3 cm, 1,87 kg, 272 Seiten, € 30,00

Kamel Daoud „Meine Nacht im Picasso Museum“

14. November 2020Lese-Empfehlung

Kamel Daoud, Jahrgang 1970, arbeitete lange als Journalist für den Quotidien d’Oran und andere Zeitungen. Heute lebt er als Schriftsteller mit seiner Familie in Oran. Für seinen ersten Roman »Der Fall Meursault – eine Gegendarstellung« wurde er von der Kritik gefeiert und unter anderem mit dem Prix Goncourt du Premier Roman ausgezeichnet. Das Buch wurde in 30 Sprachen übersetzt.
Kiepenheuer & Witsch, € 20,00

 

Christine Wunnicke „Die Dame mit der bemalten Hand“

10. Oktober 2020Lese-Empfehlung

 

++Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2020 ++
++Wilhelm Raabe-Literaturpreis 2020++

Bombay, 1764. Indien stand nicht auf dem Reiseplan und Elephanta, diese struppige Insel voller ­Schlangen und Ziegen und Höhlen mit den seltsamen Figuren an den Wänden, schon gar nicht. Doch als Forschungs­reisenden in Sachen »biblischer Klarheit« zieht es einen eben an die merkwürdigsten Orte. Carsten Niebuhr aus dem Bremischen ist hier gestrandet, obwohl er doch in Arabien sein sollte. Ebenso Meis­ter Musa, persischer Astrolabienbauer aus Jaipur, obwohl er doch in Mekka sein wollte. Man spricht leidlich Arabisch miteinander, genug, um die paar Tage bis zu ihrer Rettung gemeinsam herumzubringen. Um sich öst-westlich misszuverstehen und freundlich über Sternbilder zu streiten (denn wo der eine eine Frau erkennt, sieht der andere lediglich deren bemalte Hand). Es könnte übrigens alles auch ein Fiebertraum gewesen sein. Doch das steht in den Sternen.

Christine Wunnicke, geboren 1966, lebt in München. Sie schreibt Hörspiele, biografische Literatur und Romane. 2002 erhielt sie für ihre Biografie des Kas­tratensängers Filippo Balatri, »Die Nachtigall des Zaren«, den Bayerischen Staatsförderungspreis für Literatur. Für den Roman »Serenity« bekam sie 2008 den Tukan-Preis. Bei Berenberg erschienen u. a. ihre Romane »Der Fuchs und Dr. Shimamura« (2015) und »Katie« (2017), die beide für den Deutschen Buchpreis nominiert waren (Longlist), sowie, im Taschenbuch, die Novelle »Nagasaki, ca. 1642« (2020). Zuletzt wurde sie mit dem Münchner Literaturpreis für ihr Gesamtwerk ausgezeichnet (2020). Ihr neuer Roman »Die Dame mit der bemalten Hand« (Herbst 2020) wurde mit dem Wilhelm Raabe-Literaturpreis gewürdigt und steht auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis.

„Großes Kino“ von Sascha Reh

17. September 2020Lese-Empfehlung

Carsten Wuppke kann einfach seinen Mund nicht halten. Warum muss der Neuköllner Sozialarbeiter, der gerade Schwierigkeiten mit dem Gesetz hat, sich an der Supermarktkasse auch mit einem Polizisten anlegen? Und dann ausgerechnet einen Roller »ausborgen«, der Ali al-Safa, genannt »der Chinese«, gehört? Prompt verdonnert ihn der Clanchef zu ein paar Gefälligkeiten: Erst muss Wuppke seine Jungs in gewaltfreier Kommunikation coachen und dann ein krummes Immobiliengeschäft auf Sylt für ihn zurechtbiegen, das mit dem Naturschutz und dem Bürgermeisterwahlkampf in Konflikt steht. Aber mit Konflikten kennt Wuppke sich aus – denkt er zumindest, bis er auf die Familie des obersten Naturschützers und Bürgermeisterkandidaten trifft. Als ihm der Chinese auch noch seine Leute auf den Hals jagt, wird es brenzlig für Wuppke.

Der neue Roman von Sascha Reh ist eine zitatgespickte Gangsterkomödie voller Sprachwitz und absurder Situationskomik, deren Held sich mit Eloquenz und Chuzpe durch die Inselhalbwelt mauschelt.

„Im Fallen lernt die Feder fliegen“ von Usama Al Shahmani

31. August 2020Lese-Empfehlung

 

Die irakischstämmige Aida verleugnet ihre Herkunft, was immer wieder zu Streit mit ihrem Freund führt. In ihrer Not setzt sie sich hin und beginnt aufzuschreiben, was sie nicht sagen kann. Geboren in einem iranischen Flüchtlingslager, kam sie mit ihren Eltern und der älteren Schwester in die Schweiz. Die Mädchen gehen zur Schule, aber ihre Eltern kommen mit dem westlichen Alltag nicht zurecht und verklären mehr und mehr ihre Heimat. Der Vater, ein konservativer Theologe, beschliesst schliesslich, mit der ganzen Familie in den Irak zurückzukehren. Aber was für die Eltern die Heimat ist, die sie einst verlassen haben, ist für die beiden Schwestern ein fremdes Land. Als die Ältere verheiratet werden soll, fliehen sie nun ihrerseits und gelangen als unbegleitete Minderjährige in die Schweiz. Aber auch sie lässt die Vergangenheit nicht los.

Wieder gelingt es Usama Al Shahmani, vielschichtig von der grossen inneren Anstrengung von Flüchtlingen bei ihren Integrationsbemühungen zu erzählen und dabei immer ein Fenster zur Hoffnung offenzulassen. Und nicht zuletzt überwindet er selbst die Mühsal des Exils durch das Verschmelzen der arabischen mit der westlichen Kultur im Erzählen.

Usama Al Shahmani, geboren 1971 in Bagdad und aufgewachsen in Qalat Sukar (Nasiriya), hat arabische Sprache und moderne arabische Literatur studiert, er publizierte drei Bücher über arabische Literatur, bevor er 2002 wegen eines Theaterstücks fliehen musste und in die Schweiz kam. Er arbeitet heute als Dolmetscher und Kulturvermittler und übersetzt ins Arabische, u. a. «Fräulein Stark» von Thomas Hürlimann, «Der Islam» von Peter Heine und «Über die Religion» von Friedrich Schleiermacher. Sein erster Roman «In der Fremde sprechen die Bäume arabisch» wurde mehrfach ausgezeichnet und war u. a. für das «Lieblingsbuch des Deutschschweizer Buchhandels» nominiert.